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Booklet zum Album Aura Violet

Il Libretto

Dieses Booklet gehört zum Album wie eine zweite Stimme. Es erklärt die Stücke nicht, es begleitet sie: Wo sie herkommen, was in ihnen verhandelt wird und in welcher Reihenfolge sie gehört werden wollen. Wer lieber zuerst hört und später liest, verliert nichts. Wer zuerst liest, hört anders.

Vorwort

Aura Violet ist die Geschichte einer Frau, die über ein Jahr hinweg lernt, ihre eigenen Empfindungen wieder ernst zu nehmen. Sie wird in zwölf Stücken erzählt, und sie wird auf Italienisch erzählt, weil diese Sprache das Gefühl früher zulässt als die Erklärung.

Die Kommentare in diesem Booklet sind deutsch. Das ist kein Widerspruch, sondern die Arbeitsteilung des Albums: Der Gesang trägt die Empfindung, der Text daneben trägt den Gedanken. Beide Sprachen stehen nebeneinander, so wie sie in der Entstehung nebeneinanderstanden — italienische Zeilen auf Papier, deutsche Notizen am Rand.

Die Klangsprache stammt aus den Achtzigerjahren, aber sie ist nicht als Zitat gemeint. Die Instrumente jener Zeit haben eine Eigenschaft, die heute selten geworden ist: Sie klingen weich, ohne harmlos zu sein. Genau diese Weichheit brauchte das Album, damit die Stücke Raum lassen, statt eine Stimmung vorzuschreiben.

01

4:41

Ombre di Venezia

Das Album beginnt vor dem Anfang. Der erste Ton ist eine Fläche ohne Kontur, die sich über eine halbe Minute füllt, bevor überhaupt eine Tonart erkennbar wird. Das ist bewusst so gesetzt: Wer hier schon eine Melodie sucht, hört zu schnell.

Erzählt wird der Moment kurz vor dem Aufwachen, in dem der Tag noch keine Aufgaben hat. Die Erzählerin ist noch niemandem etwas schuldig. In diesem Zustand ist alles möglich, und deshalb ist er der einzige Punkt im Album, an dem nichts verteidigt werden muss.

Klanglich steht hier fast keine Farbe. Der Bogen des Albums setzt in einem gedeckten Indigo an, das kaum als Farbe wahrnehmbar ist. Alles, was später Violett, Rosa und Bernstein wird, ist hier nur angelegt.

02

5:00

Il primo e l’ultimo

Ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die einander gut genug kennen, um vorsichtig zu sein. Dünnes Glas: Man kann hindurchsehen, und es hält nicht viel aus. Das Stück behält diese Vorsicht in jedem Parameter bei. Der Bass ist rund und leise, die Hi-Hats sind gefiltert, und das Schlagzeug kommt erst nach zwei Minuten dazu.

In der Erzählung ist dies der Punkt, an dem die Erzählerin merkt, dass Höflichkeit und Nähe nicht dasselbe sind. Sie sagt nichts Falsches. Sie sagt nur nichts Richtiges.

Die Farbe rückt einen Schritt in Richtung Violett, bleibt aber kühl. Wer die zwölf Stücke am Stück hört, wird den Übergang von 01 zu 02 kaum bemerken — auch das ist Absicht.

03

4:09

Aggiustami il cuore

Das längste Stück der ersten Hälfte und das zurückhaltendste. Die Hauptmelodie liegt hinter einem Tiefpassfilter, so als käme sie aus dem Nebenzimmer. Sie wird im ganzen Stück nie ganz geöffnet.

Gemeint ist ein Leben, das gleich nebenan stattfindet und trotzdem nicht das eigene ist: das Leben, das man geführt hätte, wenn man an drei oder vier Stellen anders entschieden hätte. Es ist kein tragischer Gedanke. Er wird hier bewusst ohne Bitterkeit gesetzt, weil Bitterkeit die Erzählung zu früh beenden würde.

Wer genau hinhört, findet in der zweiten Hälfte eine Umkehrung der Melodie aus Ombre di Venezia. Es ist die erste von mehreren Verbindungen zwischen den Stücken; ab hier hängt alles zusammen.

04

4:13

Lasciami sognare

Das titelgebende Stück. Hier steht die Farbe, um die das ganze Album gebaut ist, und hier ist zum ersten Mal alles offen: die Stimme vorne, die Fläche breit, der Nachhall lang. Was vorher angedeutet wurde, wird ausgesprochen.

Eine Aura hat keinen Rand. Sie ist ein Feld, das um etwas herum liegt und stärker wirkt als der Gegenstand selbst. Genau das beschreibt der Zustand, in dem sich die Erzählerin an diesem Punkt befindet: Sie kann nicht benennen, was sie empfindet, aber sie kann es nicht mehr übersehen.

Produktionsseitig ist dies das dichteste Stück der ersten Hälfte. Alles danach wird wieder dünner, bis zur Mitte.

05

4:08

Dove il cielo si distende

Ein Telefon klingelt um drei Uhr morgens und wird nicht abgenommen. Der Sequenzer läuft im gleichen Muster weiter, bevor, während und nach dem Anruf. Diese Gleichgültigkeit der Maschine ist die eigentliche Aussage des Stücks.

Es ist das einzige Stück auf dem Album mit einem harten Ereignis. Alles andere entwickelt sich; hier passiert etwas, und es passiert nur einmal. Die Erzählerin trifft eine Entscheidung, indem sie nichts tut.

Im Arrangement wird der Raum ab der zweiten Strophe schrittweise kleiner. Am Ende steht die Stimme fast trocken, ohne Hall — der nüchternste Moment des Albums.

06

5:23

Magia nel respiro

Nach dem Anruf nimmt das Album Tempo heraus, ohne stehen zu bleiben. Das Stück steht bewusst kurz vor der Mitte: Es räumt auf, damit das nächste leer sein kann.

Die Erzählerin hört hier auf, sich zu erklären. Es gibt keine Rechtfertigung mehr, keine Adressaten, nur noch Atmung. In den Skizzen hiess das Stück lange «Pausa», was zu passiv war; das langsame Atmen trifft es besser, weil es eine Tätigkeit bleibt.

Harmonisch bereitet der Schluss die Tonart des siebten Stücks vor, ohne sie zu erreichen. Der Übergang ist die einzige Stelle des Albums, an der zwei Stücke direkt ineinanderlaufen.

07

4:33

il centro

Corde di luce

Die Mitte des Albums und sein leisester Punkt. Was bleibt, ist nicht die Geschichte, sondern das Gefühl, das sie zurückgelassen hat.

Dieses Stück war zuerst da. Alle anderen wurden um es herum geschrieben, sechs davor und fünf danach, und es hat als einziges die ursprüngliche Fassung fast unverändert behalten. Es besteht aus einer einzigen wiederholten Figur, die sich über fünfeinhalb Minuten kaum verändert; verändert wird nur, wie viel Raum um sie herum offen ist.

Ab hier dreht sich die Erzählung nach aussen. In der ersten Hälfte fragt die Erzählerin, was ihr fehlt. In der zweiten fragt sie, was sie hat. Die Farbe kippt an dieser Stelle von Violett nach Rosa, und die zweite Hälfte des Albums wird von Stück zu Stück wärmer, bis das letzte sie wieder abkühlt.

Wer nur ein Stück des Albums hören will, sollte dieses hören. Wer verstehen will, warum es so klingt, sollte bei 01 anfangen.

08

3:50

Tra le ombre e te

Eine Erinnerung, die angenehm ist und trotzdem nicht mehr betreten werden kann. Wärme und Schatten fallen hier zusammen, und das Stück versucht nicht, den Widerspruch aufzulösen.

Die Akkordfolge kehrt viermal zurück und wird jedes Mal an derselben Stelle unterbrochen. Erst beim letzten Durchgang wird sie zu Ende geführt, und dann wirkt sie beinahe zu einfach. Genau das war die Absicht: Das Aufgelöste ist nicht immer das Bessere.

Die Farbe wird deutlich wärmer, das Rosa verschiebt sich Richtung Bernstein.

09

3:52

Non sono un enigma

Das wärmste Stück des Albums. Eine Stunde, die man sich nimmt, obwohl sie nichts ändert — und die deshalb zählt. Hier ist der Bogen des Albums am weitesten von seinem Anfang entfernt.

Zum ersten und einzigen Mal steht ein Beat durchgehend im Vordergrund. Das ist keine Steigerung im dramaturgischen Sinn, sondern ein Zugeständnis an den Körper: An dieser Stelle darf getanzt werden, wenn auch langsam.

In den Notizen zum Album steht neben diesem Stück nur ein Satz: «Nicht kürzen.»

10

4:27

Sotto le stelle cadenti

Der Wechsel der Jahreszeit wird gespürt, bevor er beschlossen ist. Die Arpeggien werden heller und schneller, die Wärme des vorigen Stücks kühlt aus, ohne dass etwas Schlimmes geschieht.

Das Stück beschreibt einen Zustand, den es im Deutschen kaum als Wort gibt: die Unruhe kurz vor einer Veränderung, die man selbst herbeigeführt hat. Im Italienischen genügt dafür ein Monat.

Es ist das kürzeste Stück des Albums und das einzige, das schneller endet, als es beginnt.

11

4:22

Ombre di Venezia (Remastered)

Alles ist gesagt, aber an niemanden gerichtet. Der Text ist ein Brief, der geschrieben und nicht abgeschickt wird; das Stück ist entsprechend gebaut, als Monolog, der sich selbst zuhört.

Es ist das textreichste Stück des Albums und musikalisch das kargste: eine Bassfigur, eine Fläche, sonst nichts. Jede zusätzliche Spur, die in der Produktion versucht wurde, hat den Text kleiner gemacht und wurde wieder entfernt.

Der Schluss bleibt offen, weil ein nicht abgeschickter Brief keine Antwort bekommt. Erst das zwölfte Stück beantwortet ihn, und zwar ohne Worte.

12

2:30

Aura Violet

Die Rückkehr in ein ruhiges Blau, das nicht dasselbe ist wie das Indigo vom Anfang. Es ist heller, klarer und deutlich kühler als die Stücke davor. Das Album endet nicht mit einer Auflösung, sondern mit einer Fassung, in der sich weiterleben lässt.

In den letzten neunzig Sekunden kehren nacheinander drei Motive aus früheren Stücken zurück, jedes nur einmal und jedes leiser als beim ersten Mal. Wer das Album zum ersten Mal hört, wird sie kaum bemerken. Beim dritten Hören sind sie der Grund, warum das Ende trägt.

Der letzte Ton wird nicht ausgeblendet. Er läuft aus, wie ein Raum leer wird.

Nachwort

Die zwölf Stücke sind in gut einem Jahr entstanden, meist abends und fast immer in derselben Reihenfolge, in der sie jetzt stehen. Die Ausnahme ist Corde di luce, das am Anfang stand und alles andere bestimmt hat.

Eine vollständige Instrumentalfassung ist in Arbeit. Danach sollen die Stücke von seiner Frau gesungen werden. Die weibliche Perspektive ist das erzählerische Zentrum dieses Albums, und ihr eine wirkliche Stimme zu geben, ist der eigentliche Abschluss der Arbeit.

Der Bookletttext stammt noch aus dem Entwurf und wird durch die Originalfassung des Künstlers ersetzt.